Lesen ist keine angeborene Fähigkeit, jeder Mensch muss es für sich neu lernen.

Wenn Kinder zu lesen beginnen, dann lernen sie das Buchstabe für Buchstabe, erkenn Silben und Worte. Später funktioniert das Lesen über das Wiedererkennen einzelner Worte, das Hirn braucht dafür weniger Ressourcen, speichert das Aufgenommene. Je mehr jemand gelesen hat, um so weniger Ressourcen nimmt der Lesevorgang in Anspruch und umso komplexer können die Texte sein.

Schrift ist keine rein „technische“ Umsetzung von gesprochener Sprache, sondern ist gewissermaßen eine zweite Sprache!  Lesen ist weit mehr als eine Technik (oder "Kulturtechnik"), Voraussetzung ist ein reichhaltiger Wortschatz, die Fähigkeit Zusammenhänge zu erkennen und eine starke Motivation.

Das Gehirn ist nur in den ersten 10 Lebensjahren fähig, so lesen zu lernen, dass man es ohne Anstrengung beherrscht.

Lesen und Schreiben ist die unnatürlichste Tätigkeit des Gehirns.

Es gibt kein Gen, keine natürliche Anlage fürs Lesen, wohl aber für Sehen und  Hören. Der Mensch lernt zunächst die Sprache, indem er Laute mit Silben und Wörtern und diese mit einem Sinn, mit Begriffen verbindet. Beim Lesen werden diese nun mit Zeichen verbunden. Das Gehirn verwendet für die Tätigkeiten des Lesens und Schreibens einen Teil, der eigentlich andere Aufgaben hat, und es muss in einem mühsamen Prozess die gigantischen Abstraktionsleistungen erlernen, die dafür erforderlich sind, alles überhaupt nur Sagbare in ein System von 25 bis 30 Buchstaben zu transformieren.

Laute in Zeichen  zu setzen, Sprache in Schrift zu formulieren, war eine der ungeheuerlichsten geistigen Entwicklungen des Menschen. Jeder Mensch muß dies für sich neu entdecken.Das Hirn muß sich das Lesen erarbeiten.

Weil Schrift gewissermaßen als eine zweite Sprache gelten kann, ist seit Beginn der 1980er Jahre die Rede vom „Schriftspracherwerb“ bzw. vom „Erwerb der Schriftlichkeit“ (Weinhold 2005).

Lesen- und Schreibenlernen sind mehr als die Aneignung einer (Kultur-)Technik: neben dem Erwerb motorischer und sprachlicher geht es vor allem um den Aufbau analytischer und konzeptioneller Fähigkeiten im GehirnDrei Voraussetzungen für einen gelingenden Schriftspracherwerb (Prof Chr. Garbe):

1. Schriftsprache erfolgreich zu lernen setzt die Beherrschung der gesprochenen Sprache voraus. Ein reichhaltiger Wortschatz ist darum die erste Voraussetzung für gutes Lesen und Schreiben(-Können). Kinder, die wenig sprechen, geraten von Anfang an ins Hintertreffen, schon bevor sie mit dem Lesenlernen beginnen. Deshalb ist es wichtig, dass in den Familien viel miteinander gesprochen wird und dass aus Büchern viele neue Worte hinzugelernt werden. Der beste Nährboden ist die Assoziation vom Hören geschriebener Sprache mit dem Gefühl geliebt zu werden. (Quelle: Maryanne Wolf, Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam und was es in unseren Köpfen bewirkt, 2009, S. 97f.)

2. Schriftsprache zu lernen ist mit erheblichen kognitiven Anforderungen verbunden: Es ist „harte Arbeit“ und wird daher nur erfolgreich gemeistert werden, wenn Kinder eine starke Motivation haben, lesen und schreiben zu lernen.

3. Der Erwerb der Schriftsprache bedeutet nicht nur das Erlernen einer „zweiten Sprache“, sondern erfordert eine tief greifende Umstrukturierung des gesamten kognitiven Systems. Dies muss von langer Hand vorbereitet werden durch das mündliche Eröffnen von Zugängen zur Schriftlichkeit.

Das Gehirn ist nur in den ersten 10 Lebensjahren fähig, so lesen zu lernen, dass man es ohne Anstrengung beherrscht.  (Quelle: Hirnforscher, Physiologe und Psychologe Ernst Pöppe, l in „Universitas“, H. 673, 57. Jg. 2002, S.747,)


Was ist „Lesen“ – wissenschaftlich betrachtet?

1. Lesen ist mehr als DEKODIEREN (oder phonologisches Rekodieren), d.h. das Überführen der Textwörter in gesprochene Wörter (obwohl dies für Leseanfänger bereits eine erhebliche Herausforderung darstellt).

2. Lesen ist vor allem VERSTEHEN – eines Wortes, Satzes, Textes usw.

Beispiel: Er bezahlte an der Kasse 16 Euro. Sie wollte ihm 8 Euro zurückgeben, aber er wollte das Geld nicht haben. So gingen sie denn zusammen hinein, und sie kaufte ihm eine große Tüte Popcorn.

3. Das Lesen und Verstehen eines Textes ist ein Prozess, bei dem der Leser unentwegt die Informationen des Textes durch eigenes WELTWISSEN („frames“) und HANDLUNGSWISSEN („scripts“) ergänzt.

4. Lesen ist darum nicht passive „Sinnentnahme“ aus Texten (nach dem Motto: „Lies doch mal genau, steht doch alles drin!“), sondern aktive (Re-)Konstruktion der Textbedeutung, bei dem das Vorwissen der Leser und die objektive Textvorgabe interagieren.“ Die im Text enthaltenen Aussagen werden aktiv mit dem Vor-, Welt- und Sprachwissen des Lesers verbunden (Deutsches PISA-Konsortium 2001, S. 70f.)


Fazit

Lesen ist weit mehr als eine Technik (oder „Kulturtechnik“), Lesen ist der fundamentale Modus des Lernens und damit des Aufbaus von Wissensstrukturen.

Ohne bereits vorhandenes Wissen lassen sich viele Texte gar nicht erschließen. In solchen Fällen benötigt der Leser / die Leserin einen „kompetenten Anderen“. Jener stellt ihm oder ihr das zum Textverstehen notwendige Vorwissen zur Verfügung.

Jede Fachlehrerin / jeder Fachlehrer ist darum stets zugleich „Leselehrer/in“ – ohne jedoch hierfür ausgebildet zu sein!

Lesen (PISA 2001, S. 82)

  • primär textinterne Informationen nutzen 
  • Text als Ganzes betrachten

  • sich auf  bestimmte Textteile konzentrieren 
  • unabhängige Einzelinformationen und Beziehungen verstehen 
  • allgemeines Verständnis des Textes entwickeln 
  • Informationen ermitteln 
  • textbezogene Interpretation Entwickeln über den Inhalt des Textes
  • Inhalt Struktur externes Wissen heranziehen