Von besonderer Bedeutung ist die frühkindliche Bildung.

Die Voraussetzungen für Leseverständnis werden bereits in den ersten Lebensjahren, lange vor der Einschulung gelegt. Die Beherrschung der gesprochenen Sprache, ein reichhaltiger Wortschatz, ist die erste Voraussetzung für gutes Lesen und Schreiben (-Können), ist die notwendige Basis für einen gelungenen Erwerb der Schriftsprache. Diese Grundlagen liegen somit wesentlich in der Obhut der Familie und der vorschulischen Bildungseinrichtungen (Kindertagesstätten etc.).

Dafür ist das Vorlesen ganz wichtig, ebenso Kinderreime, Fingerspiele, Kinderlieder singen  und Bilderbücher. Dabei verbindet sich das Hören von gesprochener und geschriebener Sprache mit der positivr Atmosphäre und dem Gefühl geliebt zu werden  und das motiviert  zum selber Lesen.

Niedersachsen hat eine niedrige Betreuungsquote bei den unter 3jährigen Kindern.

Das Gehirn des Kleinkinds bereitet sich viel eher aufs Lesen vor, als man vermuten würde.

Das Gehirn lernt von der Geburt an all die wichtigen Strukturen zu nutzen, auf denen später das universale Lesesystem des Gehirns aufgebaut wird. Auf diesem Weg verinnerlicht das Kind viele Erkenntnisse über gesprochene und geschriebene Sprache, die unsere Spezies in über 2000 Jahren in einer Pioniertat nach der anderen erworben hat. "Das Gehirn muss in einem mühsamen Prozess die gigantischen Abstraktionsleistungen erlernen, die dafür erforderlich sind, alles überhaupt nur Sagbare in ein System von 25 bis 30 Buchstaben zu transformieren. Dazu ist es nur in den ersten 10 Lebensjahren fähig, so lesen zu lernen, dass man es ohne Anstrengung beherrscht.“ (Prof. Christine Garbe)

zur Grafik: "Sensitive" Zeiträume in der frühen Entwicklung des Gehirns

 

Konsequenzen

Als Konsequenzen für die frühkindliche Leseförderung müssen Kindern Zugänge zu (sprach-) symbolischen Welten eröffnet werden durch:

  • das Praktizieren von „Situations-abstraktem“ Sprechen:Geschichten erzählen, vorlesen und darüber sprechen
  • gemeinsames Lesen von Bilderbüchern:neugierig auf Bücher und Geschriebenes machen
  • das Praktizieren von (prä-)literarischer Kommunikation: Kniereiterverse, Kindergedichte und –lieder, Sprachspiele und Rätsel
  • Besondere Förderung von Jungen durch:
  • Beteiligung von Vätern und männlichen Erziehern
  • Geschichten und Lesestoffe auswählen, die auch Jungen mögen

Die frühkindliche Bildung hat einen hohen Einfluss auf die Bildungswege der Kinder.

 Die Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium zu besuchen erhöht sich von 36% auf 50%, wenn ein Kind eine Krippe besucht hat.

Die Verbesserung der Bildungschancen durch den Krippenbesuch liegt für benachteiligte Kinder höher als für den Durchschnitt. Sie liegt bei den benachteiligten Kindern rund 65%, bei den nicht benachteiligten Kindern rund 38%!

zur Grafik "Relativer Anstieg der Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium zu besuchen"

 

Motivation

Die Assoziation vom Hören geschriebener Sprache mit dem Gefühl, geliebt zu werden, ist der beste Nährboden für diesen Prozess, und kein Kognitionswissenschaftler oder Pädagoge hätte einen besseren ersinnen können.“ (Maryanne Wolf, Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt, 2009, S. 97f.)

Die Geschichte, wie ein Kind lesen lernt, handelt entweder von Magie, von Feen oder von verpassten Chancen und unnötigem Verlust, also von zwei ganz verschiedenen Kindheitsverläufen. Im ersten spielt sich fast alles so ab, wie wir es erhoffen. Im zweiten wird nur selten eine Geschichte erzählt und wenig Sprache gelernt; so gerät das Kind immer mehr ins Hintertreffen, bevor es überhaupt mit dem Lesenlernen beginnen kann. (…)

 

Exkurs: Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Kommunikationsbedingungen

Mündlichkeit

• dialogisch, interaktiv

• vertraute Partner

• face-to-face

Sprache der Nähe

• Themenwahl frei

• privat

• spontan

• situativ bedingt

• affektiv / emotional

Schriftlichkeit

• monologisch

• fremde Partner

• raumzeitliche Trennung

Sprache der Distanz

• Thema fixiert/determiniert

• öffentlich

• reflektiert

• situationsentbunden

• objektiv

Mündlichkeit Schriftlichkeit nach Günther 1997, S. 66

Prof. Dr. Christine Garbe: Frühe Leseförderung (Eröffnung von „Lüneburg Liest!“ 2010; 31.05.2010) 

Vorlesen
Für die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen ist das positive Vorbild der Eltern ganz entscheidend. Wichtig ist, Kinder in frühem Alter an Bücher heranzuführen. Wichtig ist, ob die Eltern selber lesen. Wichtig ist das Vorlesen („Förderung von Lesekompetenz“ Expertise des Bundesministerium für Bildung und Forschung von 2005, S.38ff und 13ff).

Lesekompetenz ist das Resultat eines Sozialisationsprozesses. Die Familie ist dabei die früheste und wirksamste Instanz. Sie bildet die zentrale kognitive und affektive Erfahrungsbasis der Kinder. Hier finden für die spätere Lesekarriere bedeutsame vorbereitende Prozesse in Bezug auf Sprache und Schrift statt. Familiäre Prozesse u. Rahmenbedingungen beeinflussen den Erwerb von Vorläuferfähigkeiten, von lesebezogenem Interesse, Werten und Normen.

In der Familie werden die wichtigen Voraussetzungen des Lesens geschaffen, dazu gehören das Sprach-, Welt- und inhaltliche Vorwissen und der Wortschatz. Es wird frühzeitig die Fähigkeit zur Kommunikation geübt, die Struktur der Sprache und des Denkens verinnerlicht. Zentrale Bedeutung hat die Art und Weise der Kommunikation in der Familie.

Das Bilderbuchlesen ist die ideale Sprachlernsituation, denn dabei sind die Dichte der Benennung von Gegenständen, die Intensität der Interaktion und die Standardisierung, Ritualisierung der Interaktion besonders hoch, wodurch die kommunikative Funktion von Sprache gefördert wird.

Das Vorlesen verbindet Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Es fördert das kindliche Interesse am Lesen, das Bewusstsein für Verbindungen von Lauten und Buchstaben, erweitert den Wortschatz und fördert  die Kenntnis von Strukturen, Schemata  und Schriftkonventionen als Voraussetzung  für das Textverständnis. Vorlesen übt Aufmerksamkeit über längere Zeitspannen und ist auch ein interaktives, soziales Medium. Vorlesen ist eine vergleichsweise kleine zeitliche Investition  mit hoher Rendite für die kindliche Entwicklung.

Für ein angemessenes Verständnis schriftlicher Texte ist die Verfügbarkeit von inhaltlich relevantem Vorwissen eine wichtige Voraussetzung. Das sind in einem Text eingeschlossene, nicht unmittelbar ausgedrückte Prämissen, z.B. die Kenntnis kausaler Zusammenhänge von Sachverhalten und Ereignissen. Dazu gehört mit gleicher Wichtigkeit der vorhandene Wortschatz, ein breites, leicht zugängliches und Zusammenhänge übergreifendes Wissen von Wortbedeutungen. Vorwissen wird durch Kommunikation erworben, d.h.  Vorlesen, Erzählen, über Geschichten sprechen. Leseverstehen ist ein komplexer Vorgang.

Dem Leser stellen sich Fragen, die im Leben wichtig sind: Worum geht es, ist es glaubwürdig, was empfinden die Figuren, Perspektivwechsel, Einfühlung, Fantasie, Vorstellungskraft, Unterscheidungsvermögen, wie geht es im Leben und in der Welt zu, gerecht, ungerecht, schicksalhaft, Freundschaft, Treue, Liebe Tod, Ansichten zum Leben und zur Gesellschaft.

Die in diesem Abschnitt angesprochenen Punkte werden ganz bewusst gefördert durch unsere Projekte „Buchstart - Bücher für alle Kinder – von Anfang an“ und „Gedichte für Wichte“.